Wenn man in Ruhe ist, fängt alles zu leuchten an



Text: Klaus Gräske


Tief unten am Grunde eines Sees lebte einmal eine Muschel. Ihre Schalen waren dunkel wie der Grund des Sees. Man mußte sehr genau hinsehen, um die Muschel nicht zu übersehen. Die Muschel machte nichts aus sich. Sie war zufrieden, dazuliegen und zu staunen. Es gab viel zu bestaunen: dunkelgrüne Wasserpflanzen, eine große Zahl von Steinen große, kleine, runde und kantige, verschiedenartige Fische. Am besten gefiel der Muschel, wenn Vollmond war. Dann stand der Mond als runde Scheibe über dem Wasser und das milde Mondlicht leuchtete hinab auf den Grund bis zu unserer Muschel. Die lag dann ganz still da und schaute und nahm das Licht in sich hinein, in ihr Inneres, in ihr Herz. Eines Tages kam ein Fisch zur Muschel geschwommen. ,,Sieh mal an, eine Muschel" sagte der Fisch. ,,Bald hätte ich dich übersehen, du kleines Muschelding." Der Fisch sprach so; er war nämlich ein sehr eingebildeter, ein sehr stolzer Fisch. Dann holte er tief Atem und schwamm vor der Muschel hin und her. So konnte man ihn von allen Seiten sehen und sein schillerndes Muschelkleid bewundern. Wie schön ist der Fisch dachte die Muschel. Wie kann er sich drehen und wenden. Er ist sehr beweglich, gewandt. Es fiel der Muschel aber nicht ein, dem Fisch neidig zu sein. Sie war einfach einmal eine Muschel und saß am Boden des Sees. Es gefiel ihr zu lauschen, zu schauen. Vor allem aber gefiel ihr das milde Licht des Mondes. Sie war mit sich zufrieden. Unser Fisch aber tanzte vor der Muschel im Kreise. Er schimmerte und schillerte. Er zeigte alle seine Künste. Er wollte bewundert werden. Dabei merkte er nicht, wie es sehr gefährlich wurde. Es kam nämlich ein riesiger Fisch angeschwommen, das Maul weit aufgerissen, hungrig nach Beute. ,,Paß auf," rief die kleine Muschel, ,,paß auf!" Erschrocken fuhr der Fisch herum. Mit einem festen Schlag seiner Schwanzflosse rettete er sich in eine Felsspalte. Hier saß er nun mit klopfendem Herzen, aber nur kurze Zeit. Bald schon war alle Gefahr vergessen. Der Fisch fing an, sich wieder zu zeigen. Ja er sprang jetzt sogar in seinem Übermute aus dem Wasser heraus, hoch in die Luft. Er wollte sich im Wasserspiegel sehen. Er wollte wissen, wie schön er sei. Da die Muschel ihn aber nicht bewunderte, lobte er sich selbst und schwamm selbstgefällig davon. Eines Nachts, als der Himmel voller Sterne hing und der Mond rund und voll leuchtete, kam der Fisch wieder zur Muschel angeschwommen. Unsere Muschel lag ganz ruhig da und tat, was sie so gerne tat, lauschen, schauen. ,,Was machst du da?" fragte sie der Fisch. ,,Ich bin still" antwortete die Muschel. ,,Wenn man still ist, beginnen die Dinge zu reden. Alles hat seine Sprache. Hörst du das Wasser, die Pflanzen, die Steine? Wenn man in Ruhe ist, fängt alles zu leuchten an. Siehst du den Himmel, die Sterne,

den gelben Mond?" Der Fisch verstand nichts davon. ,,Dinge können nicht reden," meinte er. ,,Was du siehst, ist nichts besonderes. Still und ruhig sein ist langweilig. Überhaupt bist du ein langweiliges Muscheltier. Bewegen muß man sich können, bewegen, so wie ich es kann." Verächtlich drehte er sich um und schwamm davon. In dieser Nacht fuhr ein Fischer mit seinem Boot über den See. Er warf seine Netze aus. Dann wartete er in seinem Boot auf den Morgen. Als die Sonne aufging, waren die Netze voll und schwer. Der Fischer zog sie ins Boot. Vieles kam da ans Licht: Wasserpflanzen, Muscheln, Fische, Brauchbares und Unbrauchbares. Unter dem Fang waren auch unsere Muschel und unser Fisch. Der Fischer begann, sein Netz zu leeren. Fisch kam zu Fisch. Bald war das halbe Boot voll mit Fischen. Einer lag neben dem anderen. Heute noch würden sie zum Markt gebracht und verkauft werden. Der Fischer lebte schließlich von den Fischen. Dann holte der Fischer aus dem Netz, was sich sonst noch darin befand. Als er die dunkelbraune Muschel ergriff, spürte er, in ihr muß ein Schatz verborgen sein. Behutsam öffnete er sie. Da ergriff ihn Staunen. Noch nie hatte er was so Wunderbares gesehen. Die Innenseiten der Schalen glänzten wie Silber und es fand sich in der Muschel eine Perle , kostbar, schön. Alles, was die Muschel tief unten auf dem Grund des Sees in Stille und Ruhe gelauscht, geschaut, was sie in ihr Herz aufgenommen hatte, war zu einem Schatz geworden, zu einer edlen Perle.

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